Acryl oder nicht Acryl – das ist hier die Frage

Mr. Meeple

Gestatten Sie mir eine möglicherweise etwas altmodische Frage: Darf ein Brettspiel heute eigentlich noch so bleiben, wie es aus der Schachtel kommt?

Ich frage aus gegebenem Anlass. Für immer mehr Spiele werden inzwischen sogenannte Acryltoken und andere Upgrades angeboten. Karten werden in Hüllen gesteckt, Spielpläne auf Matten ausgebreitet, Einsätze für die Schachtel nachgekauft und einfache Holzfiguren durch aufwendig modellierte Miniaturen ersetzt. Und nun begegnen mir zunehmend Acryltoken, die jene Spielmarker aus Pappe ablösen sollen, die der Verlag dem Spiel ursprünglich beigelegt hat.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Acryltoken können ausgesprochen hübsch aussehen. Sie sind stabil, liegen angenehm schwer in der Hand und halten vermutlich länger als so manche Freundschaft, die bei einer unglücklich verlaufenen Partie Monopoly auf die Probe gestellt wurde. Gerade bei einem Spiel wie etwa Die Quacksalber von Quedlinburg, bei dem die Zutatenplättchen ständig aus dem Beutel gezogen, betrachtet und wieder hineingeworfen werden, ist das Argument der Haltbarkeit durchaus nachvollziehbar. Pappchips werden an den Kanten irgendwann weich, können sich abgreifen und im schlimmsten Fall sogar nicht mehr voneinander unterscheiden lassen. Das ist nicht nur unschön, sondern kann bei einem Blindziehmechanismus tatsächlich problematisch werden.

Für das Grundspiel und seine Erweiterungen werden deshalb Sets mit mehreren Hundert Acryltoken angeboten. Der Preis kann dabei durchaus in der Größenordnung eines vollständigen neuen Brettspiels liegen. Und an dieser Stelle, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, wird aus einer hübschen Ergänzung eine Grundsatzfrage.

Muss das sein? Natürlich nicht. Aber das allein wäre für eine Kolumne eine etwas kurze Antwort.

Acryltoken als Luxus für Lieblingsspiele

Wer ein bestimmtes Spiel seit Jahren regelmäßig auf den Tisch bringt, entwickelt dazu eine Beziehung. Die Schachtel trägt vielleicht schon einige Spuren, die Karten wurden unzählige Male gemischt und einzelne Plättchen sehen längst nicht mehr aus wie am ersten Tag. Man könnte diese Spuren als Mängel betrachten. Man könnte sie allerdings auch als das ansehen, was sie sind: Hinweise darauf, dass das Spiel nicht unberührt im Regal verstaubt, sondern tatsächlich gespielt wurde.

Bei einem echten Lieblingsspiel kann ich dennoch verstehen, wenn jemand das Material dauerhaft schützen oder sogar ersetzen möchte. Wer Die Quacksalber von Quedlinburg zum hundertsten Mal spielt und noch immer bei jedem weißen Knallerbsen-Chip die Luft anhält, wird an robusteren Acryltoken womöglich lange Freude haben. Ein solches Acryltoken-Set kann dann ein Luxus sein, den man sich ganz bewusst gönnt.

Doch wie viele Lieblingsspiele kann ein Mensch haben?

Wer jede Neuerscheinung mit Kartenhüllen, Sortiereinsatz, Spielmatte, Metallmünzen, Miniaturen und Acryltoken ausstattet, gibt schnell mehr für das Zubehör aus als für die eigentlichen Spiele. Dabei entsteht beinahe der Eindruck, ein Brettspiel sei in seiner normalen Ausstattung lediglich eine unfertige Vorstufe. Erst nach mehreren zusätzlichen Einkäufen werde daraus die wirklich schöne, haltbare und standesgemäße Ausgabe.

Das halte ich, mit Verlaub, für Unsinn.

Acryltoken verändern das ursprüngliche Spieldesign

Pappe wird bei Brettspielen nicht ausschließlich deshalb verwendet, weil den Verlagen leider nichts Besseres eingefallen ist. Sie lässt sich bedrucken, stanzen und in nahezu jede gewünschte Form bringen. Vor allem aber bietet sie viel Platz für Illustrationen, Farben und kleine grafische Details. Ein gut gestaltetes Pappplättchen ist kein billiger Platzhalter, der sehnsüchtig auf seine Ablösung durch Kunststoff wartet. Es ist Teil des visuellen Gesamtkonzepts.

Zwar können auch Acryltoken farbig bedruckt werden. Manche Sets übernehmen sogar die Originalgrafiken des Spiels. Dennoch verändert das Material deren Wirkung. Durchscheinendes oder glänzendes Acryl sieht anders aus als bedruckte Pappe. Das kann reizvoll sein, muss aber nicht automatisch besser zum übrigen Spielmaterial passen. Manchmal wirkt das vermeintliche Upgrade eher wie ein Gast im Abendanzug bei einer ausgesprochen gemütlichen Gartenparty: zweifellos elegant, aber womöglich ein wenig übertrieben.

Hinzu kommt, dass beim Austausch des Materials etwas verloren geht. Spiele werden von Illustratoren, Autoren und Redakteuren als Gesamtbild gestaltet. Farben, Oberflächen und Formen greifen ineinander. Wenn wir einzelne Bestandteile gegen glänzende Acryltoken austauschen, verbessern wir deshalb nicht zwangsläufig das ursprüngliche Design. Wir verändern es zunächst einmal nur.

Aus Spielleidenschaft wird Kaufdruck

Problematisch finde ich weniger, dass solche Produkte existieren. Jeder darf sein Geld für das ausgeben, was ihm Freude bereitet. Wenn Sie ein Acryltoken-Set sehen, sich augenblicklich verlieben und Ihr Lieblingsspiel danach noch lieber auf den Tisch bringen, werde ich selbstverständlich nicht mit erhobenem Zeigefinger neben Ihrer Spieleschachtel stehen.

Bedenklich wird es erst, wenn aus freiwilligem Zubehör eine gefühlte Pflicht wird. In den sozialen Netzwerken sieht man aufwendig ausgestattete Spieltische, vollständig bemalte Miniaturen, passgenaue Einsätze und Spielmaterialien, die mit der gewöhnlichen Verkaufsausgabe kaum noch etwas gemeinsam haben. Das sieht beeindruckend aus. Es kann allerdings auch den Eindruck vermitteln, die eigene Ausgabe sei weniger schön, weniger vollständig oder werde offenbar nicht leidenschaftlich genug geschätzt.

Doch die Liebe zu einem Spiel bemisst sich nicht am Gewicht seines Zubehörs.

Sie zeigt sich darin, dass es gespielt wird. Dass man Regeln erklärt, gemeinsam lacht, über einen misslungenen Zug stöhnt und einige Tage später trotzdem wieder dieselbe Schachtel aus dem Regal holt. Ein Spiel wird nicht dadurch wertvoller, dass jeder Pappchip durch Acryltoken ersetzt wurde. Und ein Spieler ist kein geringerer Enthusiast, nur weil er seine Karten ohne schützende Hülle mischt.

Ein Lieblingsspiel darf Acryltoken bekommen

Mein Urteil fällt deshalb keineswegs vollkommen vernichtend aus. Für ein Lieblingsspiel, das über Jahre hinweg regelmäßig gespielt wird, können hochwertige Acryltoken eine sinnvolle und sehr schöne Anschaffung sein. Wenn die ursprünglichen Plättchen bereits deutliche Gebrauchsspuren tragen oder sich durch Abnutzung ertasten lassen, erfüllen sie sogar einen praktischen Zweck. Auch als Geschenk für einen eingefleischten Fan kann ein solches Acryltoken-Set Freude bereiten.

Doch bitte wählen Sie mit Bedacht. Nicht jedes Spiel muss veredelt werden. Nicht jede Neuheit braucht sofort ein Upgrade. Und nicht jedes Stück Pappe verlangt nach seiner Rettung.

Vielleicht dürfen wir ein Brettspiel gelegentlich einfach so annehmen, wie es gestaltet und veröffentlicht wurde. Wir dürfen die Karten mischen, die Plättchen ausstanzen und sogar riskieren, dass sich nach vielen Partien eine Kante abgreift. Ein Spiel ist schließlich ein Gebrauchsgegenstand – wenn auch, zugegeben, ein besonders liebenswerter.

Acryltoken sind ein Luxus für Brettspiele. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange wir sie auch genau als solchen betrachten. Für das eine Lieblingsspiel, das uns seit Jahren begleitet? Sehr gern. Acryltoken für jedes neue Brettspiel, nur weil das passende Set gerade in unserer Timeline auftaucht? Wohl kaum.

Man muss nicht auf jeden Zug aufspringen. Vor allem dann nicht, wenn dieser Zug beinahe so viel kostet wie ein weiteres Brettspiel.

 

Acryltoken

Fotos: © Redaktion Spieleldorf (KI-generiert mit DALL.E)

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