Meine Damen und Herren, es gab eine Zeit, da nahm man eine Tasche mit auf eine Spielemesse. Eine Tasche. Man steckte etwas zu trinken hinein, vielleicht einen Müsliriegel, Portemonnaie, Notizblock und – wenn man besonders organisiert war – sogar einen Hallenplan.
Kaufte man ein Spiel, kam es in die Tasche. Kaufte man zwei, wurde die Tasche schwer. Kaufte man drei oder vier, begann der eigene Körper auf ausgesprochen vernünftige Weise darauf hinzuweisen, dass für heute möglicherweise genug gekauft worden war. Dieses natürliche Regulativ haben wir inzwischen weitgehend überwunden.
Heute gibt es Rollkoffer. Einkaufstrolleys. Faltbollerwagen. Sehr große Faltbollerwagen. Gefährte mit einem Fassungsvermögen, bei dem man sich gelegentlich fragt, ob deren Besitzer am Abend tatsächlich zurück ins Hotel oder noch kurz einen Umzug erledigen möchten. Mr. Meeple möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen: Er hat Verständnis.
Wer auf einer großen Spielemesse unterwegs ist, kauft möglicherweise mehrere Spiele. Manche davon sind groß. Manche schwer. Vielleicht hat man weit außerhalb geparkt, vielleicht reist man mit öffentlichen Verkehrsmitteln an, vielleicht ist das Hotel nicht um die Ecke und irgendwo muss der Einkauf hin. Das Problem beginnt nicht beim Transportmittel. Das Problem beginnt dort, wo einige hundert dieser Transportmittel gleichzeitig durch ohnehin volle Messegänge bewegt werden.
Der Mensch ist vorbei. Der Rollkoffer noch nicht
Rollkoffer und Bollerwagen haben in einer dichten Menschenmenge eine besondere Eigenschaft: Sie befinden sich häufig dort, wo ihr Besitzer gerade nicht hinschaut. Der Mensch hat die Lücke bereits passiert, dann kommt der Koffer. Oder der Bollerwagen. Oder jenes faltbare Gefährt, dessen äußere Abmessungen ungefähr dem Grundriss eines kleinen Gäste-WCs entsprechen.
Besonders interessant wird es bei abrupten Richtungswechseln. Der Besitzer biegt elegant nach links ab, während sein gesamtes Transportwesen noch eine kleine physikalische Diskussion über Fliehkraft und Fußknöchel führt. Mr. Meeple ist überzeugt, dass die meisten Menschen niemandem absichtlich über die Füße fahren. Er ist lediglich nicht sicher, ob jeder zu jeder Zeit noch weiß, wo sich das hinter ihm gezogene Gefährt gerade befindet.
Und in einer Halle, in der ohnehin Tausende Menschen gleichzeitig an Neuheitenständen, Spieltischen, Taschen und anderen Menschen vorbeikommen möchten, wird aus einem einzelnen Rollkoffer schnell ein ziemlich wirksames Hindernis.
Vom Messebesuch zur Beschaffungsoperation
Natürlich liegt das Problem nicht nur bei Rollkoffern und Bollerwagen. Es ist auch die Art, wie manche Menschen inzwischen eine Spielemesse besuchen. Es gibt Listen. Sehr genaue Listen. Auf diesen Listen stehen Neuheiten, Vorbestellungen, Messepromos und jene drei Titel, von denen der Verlag bedauerlicherweise angekündigt hat, nur eine begrenzte Zahl mitzubringen.
Spiel A muss deshalb um 10.03 Uhr abgeholt werden. Spiel B gibt es in Halle 3. Spiel C ist nur verfügbar, solange der Vorrat reicht. Und plötzlich wird aus einem Messetag eine Kombination aus Orientierungslauf, Schnitzeljagd und Warendistribution.
Dass ein limitiertes Produkt irgendwann tatsächlich ausverkauft sein könnte, führt anschließend zuverlässig zu Beschwerden in den sozialen Medien. Mr. Meeple erlaubt sich an dieser Stelle einen kleinen Hinweis: „Limitiert“ bedeutet nicht: „unbegrenzt vorhanden, solange ich persönlich noch keines bekommen habe.“ Die Mathematik ist jedoch unerbittlich.
Früher fuhr Mr. Meeple einen Toyota Yaris
Mr. Meeple möchte außerdem vermeiden, einen falschen Eindruck zu erwecken. Er ist keineswegs gegen den Erwerb größerer Mengen von Brettspielen. Das wäre schließlich Heuchelei. In früheren Jahren reiste er mit einem Toyota Yaris zur Messe. Auf die wohlmeinende innerfamiliäre Frage, ob für diesen Anlass nicht der größere Kombi geeigneter wäre, lautete die Antwort lediglich: „Glaub mir, das willst du nicht.“
Denn Platz ist auf einer Spielemesse keine Transportfrage. Platz ist eine Einladung. Inzwischen steht ohnehin nur noch der Kombi zur Verfügung. Die weitere Entwicklung der Messe-Einkäufe darf als nicht völlig überraschend gelten. Und ja: Am Abend können sich durchaus sechs bis acht Taschen im Auto befinden. Mr. Meeple behauptet daher keineswegs moralische Überlegenheit aufgrund asketischer Einkaufspolitik. Er predigt keinen Konsumverzicht, er möchte lediglich nicht vom Konsum anderer überrollt werden. Das ist vielleicht egoistisch, vielleicht aber auch nur ein gesunder Selbsterhaltungstrieb.
Ein kurzer Hinweis zur privilegierten Lage
Allerdings muss Mr. Meeple noch etwas einräumen. Als Angehöriger der schreibenden Zunft befindet er sich in einer ausgesprochen komfortablen Situation: Er kann in direkter Nähe zu den Messehallen parken. Ist eine Tasche voll, lässt sie sich zwischendurch zum Auto bringen. Zugegeben: Das ist Luxus.
Und es wäre ziemlich billig, regulären Messebesuchern anschließend zu erklären, sie sollten es doch einfach genauso machen. Wer weit außerhalb parkt und erst mit dem Shuttlebus zu seinem Fahrzeug gelangt, wird kaum für jede zweite Einkaufstasche eine kleine Reise zum Auto antreten. Für viele stellt sich die Transportfrage deshalb völlig anders. Und genau deshalb ist eine Einrichtung besonders erwähnenswert, die im ganzen Rollwagenstreit erstaunlich selten gewürdigt wird.
Die Koffergarderobe ist eine ziemlich gute Erfindung
Für wenige Euro kann man dort Gepäck beziehungsweise Rollkoffer abgeben und im Laufe des Tages wieder darauf zugreifen. Das ist, mit Verlaub, eine ziemlich brillante Lösung. Man kauft Spiele, man bringt sie zur Aufbewahrung, man geht weiter. Später kommt noch etwas dazu, auch das landet dort. Am Ende des Tages holt man seinen gesammelten Einkauf ab.
Kein achtstündiger Bollerwagenzug durch sämtliche Hallen. Kein Rollkoffer, der bei jeder Richtungsänderung fremde Knöchel überprüft. Keine mobile Einkaufsfestung, die während einer Partie neben dem Tisch geparkt werden muss.
Natürlich kostet das ein paar Euro. Mr. Meeple hält dies jedoch für eine ausgesprochen gute Investition in die eigene Bequemlichkeit und den Frieden mit der restlichen Menschheit. Gerade für Menschen, deren Auto nicht in unmittelbarer Nähe steht, ist eine solche Aufbewahrung vermutlich erheblich sinnvoller, als den gesamten Tagesertrag permanent durch die Messe zu ziehen.
Es geht nicht darum, niemanden zu behindern
Das wäre auf einer großen Messe ohnehin unrealistisch. Menschen bleiben stehen, Menschen schauen sich um, Menschen tragen Taschen. Manche benötigen einen Rollstuhl, Rollator oder ein anderes Hilfsmittel. Davon ist hier selbstverständlich nicht die Rede. Mr. Meeples natürliche Feinde sind ausschließlich jene Gefährte, deren Insassen aus 14 Kilogramm Karton, Holz und exklusivem Promo-Material bestehen.
Rücksicht bedeutet nicht, dass niemand Platz beanspruchen darf. Rücksicht bedeutet lediglich, sich gelegentlich daran zu erinnern, dass noch andere Menschen denselben Gang benutzen. Vielleicht muss der Bollerwagen nicht quer vor dem Stand stehen und eventuell lässt sich der Rollkoffer seitlich führen, statt ihn meterweit hinter sich herzuziehen. Gegebenenfalls könnte ein größerer Einkauf zwischengelagert werden. Und vielleicht muss man für die letzte limitierte Promo nicht mit der Entschlossenheit eines olympischen Sprinters durch Halle 6 pflügen.
Vielleicht darf eine Messe auch einfach eine Messe sein
Man darf Listen schreiben, man darf Neuheiten jagen, man darf vorbestellen, man darf zehn Spiele kaufen. Oder zwanzig. Man darf auch einen Rollkoffer benutzen. Aber vielleicht lohnt es sich gelegentlich, daran zu denken, dass die SPIEL keine logistische Beschaffungsmission ist. Sie ist eine Gelegenheit, Spiele zu entdecken. Nicht alle, nicht zwingend als Erster, nicht unbedingt die limitierten. Und schon gar nicht so viele, wie theoretisch in einen Faltbollerwagen passen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für Ihren nächsten Messebesuch gute Spiele, nette Begegnungen und gelegentlich den Mut, an einem Stand einfach stehen zu bleiben, obwohl auf Ihrer Liste gerade etwas anderes vorgesehen war.
Ihr
Mr. Meeple
P.S.: Mr. Meeple reist weiterhin mit Taschen. Sie besitzen einen entscheidenden Vorteil: Wenn sie voll sind, sind sie voll und müssen ins Auto. Die Menschheit hat dieses Warnsystem möglicherweise etwas vorschnell aufgegeben.