Mr. Meeple und der kleine Mensch im Buggy

Mr. Meeple mit neutralem Blick

Meine Damen und Herren, Spielemesse und Kinder – das klingt zunächst nach einer ausgesprochen gelungenen Kombination. Bunte Schachteln. Große Figuren. Neuheiten. Mitmachaktionen. Kinderspiele. Leuchtende Augen. Soweit die Theorie.

Die Praxis beginnt ungefähr dort, wo ein dreijähriger Mensch seit mehreren Stunden in einem Buggy sitzt, die Halle voll ist, der Geräuschpegel steigt und die internationale Leitmesse für Gesellschaftsspiele aus seiner Perspektive hauptsächlich aus fremden Hosenbeinen besteht.

Mr. Meeple durfte vor einigen Jahren erleben, wie so ein Messetag enden kann.

Er stand an einem Messestand. Ganz in der Nähe des Messeveranstalters. Neben ihm befand sich eine Mutter mit einem kleinen Kind im Buggy. Das Kind war erkennbar fertig. Nicht ein bisschen müde. Nicht leicht gelangweilt. Fertig. Die Mutter gab ihm Wasser in einem jener kleinen bunten IKEA-Becher. Das Kind brüllte. Dann flog der Becher. Der Inhalt traf eine völlig unbeteiligte Messebesucherin nahezu vollständig.

Man sollte erstaunlicherweise nicht unterschätzen, wie viel Wasser in einen kleinen IKEA-Becher passt. Die Getroffene war anschließend jedenfalls von oben bis unten nass. Und nicht einmal böse. Denn was sollte dieses Kind denn tun? Es war etwa drei. Es saß im Buggy. Es war laut. Es war voll. Es konnte nicht einfach sagen:

„Verzeihung, Mutter, aber nach sorgfältiger Prüfung meiner emotionalen Ressourcen halte ich eine Fortsetzung dieses Messebesuchs nicht mehr für zielführend.“ Also warf es den Becher. Eine durchaus klare Form der Kommunikation.

Kinder sind keine kleinen Messeprofis

Mr. Meeple möchte an dieser Stelle etwas betonen: Dies ist kein Text gegen Kinder auf Spieleveranstaltungen. Im Gegenteil. Ein Hobby, das sich gern als familienfreundlich bezeichnet, sollte Kinder selbstverständlich willkommen heißen. Und an Angeboten für Kinder mangelt es auf einer Messe wie der SPIEL nun wirklich nicht.

Verlage wie HABA oder Loki haben Spiele, die sich ausdrücklich an jüngere Kinder richten. Auch große klassische Verlage wie Ravensburger oder Schmidt Spiele bringen seit Jahrzehnten Spiele für Kinder und Familien auf den Tisch.

Hinzu kommen Aktionen auf der Messe selbst. In der Galeria gibt es regelmäßig Kinderprogramm, Großspiele und andere Angebote, bei denen die jüngsten Besucher nicht bloß geduldig warten müssen, bis die Erwachsenen endlich mit ihrem eigenen Programm fertig sind. Das ist wichtig, denn Kinder sind keine verkleinerten Erwachsenen.

Ein Erwachsener kann sagen: „Ich brauche jetzt zehn Minuten Ruhe“, „Mir ist das zu laut“, „Ich möchte sitzen“, „Ich habe Hunger“, „Ich will nach Hause“. Ein kleines Kind kann das möglicherweise noch nicht. Oder nicht rechtzeitig. Oder es sagt es auf eine Weise, die Erwachsene gern als Quengeln, Brüllen oder Trotz bezeichnen. Manchmal ist das aber schlicht die deutlichste Sprache, die ihm gerade zur Verfügung steht.

Die meisten Familien machen es längst richtig

Mr. Meeple möchte an dieser Stelle ausdrücklich festhalten, dass die meisten Familien auf einer Spielemesse genau das tun, was man sich wünschen würde. Sie sitzen gemeinsam am Tisch. Sie spielen Familienspiele. Sie probieren Kinderspiele aus. Sie wechseln sich ab. Sie machen Pausen. Sie verbringen den Tag tatsächlich als Familie. Das ist nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel.

Dieser Text wäre vermutlich nie entstanden, wenn Mr. Meeple nicht auch die andere Szene erlebt hätte: Vier Erwachsene sitzen konzentriert an einem Expertenspiel. Daneben ein kleiner Mensch im Buggy. Er kann nicht mitspielen. Er versteht nicht, worum es geht. Er weiß nicht, wohin er schauen soll. Und er sitzt dort einfach, während die Erwachsenen ihre Partie spielen.

Ein Baby im Kinderwagen ist noch einmal etwas anderes. Es schläft vielleicht, wird getragen, gefüttert, beruhigt und bekommt von dem eigentlichen Messeprogramm oft nur einen Teil mit. Aber ein zwei-, drei- oder vierjähriger Mensch nimmt seine Umgebung sehr deutlich wahr. Er merkt, ob etwas für ihn passiert oder ob er lediglich mitgeführt wird.

Und genau da beginnt für Mr. Meeple die Frage: Ist das noch ein gemeinsamer Familienausflug? Oder besuchen die Erwachsenen gerade ihre Messe – und das Kind muss mit?

Laut ist es übrigens auch

Ein weiterer Punkt wird bei Messeplanung gern unterschätzt: die Lautstärke. Eine volle Halle besteht aus Tausenden Gesprächen, Erklärungen, Durchsagen, Aktionen, Spieltischen und ständigem Hintergrundgeräusch. Für Erwachsene ist das anstrengend. Für junge Menschen kann es überwältigend sein.

Gerade bei jüngeren Kindern kann deshalb ein kindgerechter Kapselgehörschutz eine sinnvolle Ergänzung sein. Nicht, weil eine Spielemesse automatisch gefährlich laut wäre. Sondern weil weniger Lärm manchmal auch weniger Reiz bedeutet. Und weniger Reiz kann den Unterschied machen zwischen: „Noch eine Runde!“ und: „Ich will hier weg.“

Auch das gehört für Mr. Meeple zur Messeplanung: nicht nur überlegen, welche Spiele man sehen möchte, sondern auch, was den Tag für alle Beteiligten überhaupt angenehm macht.

Wer Kinder mitnimmt, sollte auch für Kinder planen

Vielleicht liegt hier der entscheidende Punkt. Wenn Erwachsene mit kleinen Kindern auf eine Spielemesse fahren, reicht es nicht, den eigenen Messeplan zu machen und anschließend irgendwo zwischen zwei Erwachsenenspielen noch eine Viertelstunde Kinderprogramm einzubauen.

Kinder sollten Teil der Planung sein, nicht das Hindernis darin. Gerade ab ungefähr vier Jahren gibt es bereits eine erstaunliche Auswahl an eigenen Spielen, die Kinder auf einer Messe ausprobieren können. Dann darf der Messetag auch bedeuten: Jetzt schauen wir, was euch interessiert. Jetzt spielen wir etwas für euch. Jetzt bleiben die Eltern eben einmal nicht bei der fünften Neuheit stehen, die sie unbedingt noch testen wollten.

Das klingt möglicherweise banal, ist es aber offenbar nicht immer. Denn wenn man mit Kindern auf eine Familien- und Spielemesse fährt, sollte die Frage nicht nur lauten: „Was möchte ich heute alles schaffen?“ Sondern auch: „Was soll für mein Kind heute schön sein?“ Das ist keine pädagogische Revolution, das ist schlicht gemeinsamer Freizeitbetrieb.

Eine Messe ist anstrengend

Große Spieleveranstaltungen sind laut, voll, warm und unübersichtlich. Sie verlangen Aufmerksamkeit. Man läuft viel, man wartet viel, man steht herum und man wird ständig von neuen Eindrücken überflutet. Viele Erwachsene sind nach einem ganzen Messetag komplett erledigt. Und Erwachsene wissen immerhin, warum sie sich das antun.

Ein kleines Kind weiß möglicherweise nur: Ich sitze hier, ich sehe Beine, es ist laut. Ich möchte hier weg. Das ist ein Unterschied.

Auch Kinder brauchen ihren Rückzugsraum

Eine Pause klingt auf einer Messe zunächst einfach, in der Praxis ist sie das nicht immer. Gerade die Galeria kann um die Mittagszeit ausgesprochen voll werden, weil dort auch einige Foodtrucks stehen, gegessen wird und viele Menschen gleichzeitig dasselbe Bedürfnis entwickeln. Ruhe sieht anders aus.

Trotzdem gibt es Möglichkeiten, sich zumindest zeitweise aus dem größten Trubel zurückzuziehen. Bei gutem Wetter bieten sich die Außenflächen an. Einmal raus, frische Luft, etwas essen oder trinken, nicht überall Menschen. Einfach Pause.

Wenn es regnet, wird das schwieriger. Aber gerade dann sollte man nicht den Fehler machen, eine ohnehin erschöpfte Familie noch zusätzlich durch weitere Hallen zu schleusen, nur weil auf dem persönlichen Messeplan noch drei Punkte offen sind. Manchmal ist der sinnvollste Programmpunkt: Nichts.

Der Familienausflug endet nicht erst, wenn die Erwachsenen fertig sind

Natürlich möchte man möglichst viel von einer Messe sehen. Vielleicht hat man Tickets nur für einen einzigen Tag, vielleicht ist man weit angereist, vielleicht gibt es Spiele, die man unbedingt ausprobieren möchte und vielleicht – nein, wahrscheinlich –  hat man seit Monaten auf diesen Besuch gewartet. Alles verständlich.

Nur besitzt ein Dreijähriger leider keine Verpflichtung, deshalb ebenfalls acht Stunden durchzuhalten. Und auch ein Vier-, Fünf- oder Sechsjähriger muss nicht den kompletten Erwachsenenplan mitmachen, nur weil Papa oder Mama noch dieses eine Spiel testen möchte.

Der Tag endet nicht unbedingt dann, wenn die Erwachsenen alles gesehen haben. Er endet möglicherweise dann, wenn das Kind genug hat. Das kann mittags sein, das kann nach zwei Hallen sein, das kann kurz vor dem Stand passieren, zu dem man unbedingt noch wollte. Das ist ärgerlich, aber niemand hat behauptet, Elternschaft sei eine optimierte Messeplanung.

Was sieht ein Kind eigentlich auf einer Spielemesse?

Erwachsene sehen Stände, Neuheiten, Illustrationen, Autoren, Verlage, Demo-Tische. Ein kleines Kind im Buggy sieht unter Umständen: Schuhe, Beine, Taschen und noch mehr Beine. Und gelegentlich den unteren Teil eines Pappaufstellers. Das sollte man sich vielleicht einmal bewusst machen.

Natürlich gibt es tolle Kinderbereiche und Spiele, die ausdrücklich für Familien gedacht sind. Aber der Weg dorthin kann für ein kleines Kind trotzdem aus einer endlosen Reihe voller Menschen bestehen. Deshalb ist nicht jede Stunde, die Erwachsene als „Wir sind doch auf einer Spielemesse!“ empfinden, für das Kind automatisch ein besonderes Erlebnis.

Pausen sind kein verlorener Messetag

Vielleicht muss man nicht jede Halle schaffen, sondern braucht zwischendurch eine Stunde ohne Programmpunkt. Vielleicht ist ein halber Messetag mit einem entspannten Kind schöner als ein ganzer Messetag mit einem Kind, das ab 15 Uhr nur noch versucht, die Veranstaltung mit allen verfügbaren Mitteln zu beenden.

Und vielleicht ist ein Messetag mit Kind auch dann gelungen, wenn man selbst weniger gesehen hat, das Kind dafür aber zwei Spiele entdeckt hat, von denen es noch auf dem Heimweg erzählt. Das wäre möglicherweise sogar ziemlich nah an dem, was eine Familienmesse leisten sollte.

Mr. Meeple würde jedenfalls behaupten: Wenn ein kleines Kind irgendwann einfach nur noch brüllt, ist das nicht zwingend ein Erziehungsproblem. Manchmal ist einfach der Akku leer. Bei Erwachsenen nennt man das übrigens Erschöpfung und bestellt sich einen Kaffee. Kinder bekommen dafür erstaunlich häufig eine Standpauke – was Mr. Meeple ausgesprochen unfair findet.

Und dann flog der IKEA-Becher

Die unfreiwillig geduschte Messebesucherin bekam übrigens Hilfe. Da sich der Vorfall unmittelbar neben einem Stand mit T-Shirts ereignete, hatte man dort genug Mitleid, um ihr ein T-Shirt mit Spielemotiv zukommen zu lassen. So konnte wenigstens ein Teil der Kleidung wieder halbwegs trocken werden.

Mr. Meeple hält das bis heute für einen bemerkenswert originellen Messegewinn. Nicht limitiert, keine Vorbestellung, kein Early Bird. Lediglich Wasser erforderlich. Das Kind dagegen dürfte von dem ganzen Vorgang vermutlich wenig behalten haben. Vielleicht ist das auch gut so.

Kinder dürfen genug haben

Wenn Sie also mit kleinen Kindern eine Spielemesse besuchen, wünsche ich Ihnen einen wunderbaren Tag. Spielen Sie mit ihnen, lassen Sie sie entdecken, planen Sie Kinderprogramm nicht als Lückenfüller, sondern als echten Teil des Tages ein. Schauen Sie bei den Verlagen vorbei, die Spiele für jüngere Kinder anbieten und nutzen Sie die Angebote in der Galeria. Gehen Sie zwischendurch raus, wenn Wetter und Gelände es erlauben, planen Sie Pausen und rechnen Sie damit, dass Pläne nicht funktionieren.

Und nehmen Sie es nicht persönlich, wenn irgendwann nichts mehr geht. Ein Kind muss eine Spielemesse nicht bis zur Hallenschließung genießen, damit der Ausflug gelungen war. Manchmal reichen zwei schöne Stunden. Manchmal drei. Und wenn der kleine Mensch im Buggy irgendwann signalisiert, dass er dringend gehen möchte, hören Sie ihm vielleicht zu.

Auch wenn Mama und Papa eigentlich noch Endeavor: Die Tiefsee – Teil fünf, jetzt aber wirklich ausprobieren wollten. Die nächste Partie wartet, der Nachwuchs sollte es nicht müssen.

Herzlichst

Ihr Mr. Meeple

P.S.: Kleine IKEA-Becher besitzen ein erstaunliches Fassungsvermögen. Mr. Meeple empfiehlt daher respektvollen Sicherheitsabstand.

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