Zu viele Pflichttermine, vermeintlich exklusive Spiele und der Ehrgeiz, jede Halle gesehen zu haben: Auf der SPIEL Essen entsteht Stress häufig ganz von selbst. Diese zwölf Fehler lassen sich vermeiden.
Vier Tage, mehrere Messehallen und mehr Neuheiten, als selbst ausgesprochen ehrgeizige Brettspielfans bewältigen können: Die SPIEL Essen bietet viele Möglichkeiten, sich einen großartigen Messetag zu machen. Sie bietet allerdings ebenso viele Möglichkeiten, sich selbst unter Druck zu setzen. Eine überladene Wunschliste, vermeintlich unverzichtbare Promos und der Ehrgeiz, möglichst alles gesehen zu haben, verwandeln den Messebesuch schnell in ein Pflichtprogramm. Diese zwölf Fehler lassen sich zum Glück vermeiden.
Das Wichtigste in Kürze
Ein gelungener Besuch der SPIEL Essen hängt nicht davon ab, wie viele Neuheiten ausprobiert, Schachteln gekauft oder Hallen vollständig durchquert wurden. Einige feste Ziele geben dem Tag Struktur, sollten aber noch genügend Raum für spontane Entdeckungen und Pausen lassen.
Auch beim Spielekauf lohnt sich etwas Gelassenheit. Ein Messepreis ist nicht automatisch ein Schnäppchen, und eine als exklusiv beworbene Zugabe macht ein Spiel nicht zwangsläufig besser. Wer außerdem Sprache, Transport und die eigene Belastbarkeit im Blick behält, erlebt die Messe deutlich entspannter.
1. Die SPIEL als abzuarbeitende Neuheitenliste betrachten
Neuheitenlisten sind praktisch. Sie zeigen, welche Spiele vorgestellt werden, wo die entsprechenden Verlage zu finden sind und welche Titel besonders interessant wirken. Problematisch wird es, wenn aus einer Orientierungshilfe ein verbindlicher Arbeitsauftrag entsteht.
Die SPIEL Essen ist zu groß, um sämtliche interessanten Neuheiten innerhalb eines Tages gründlich anzusehen. Selbst mehrere Besuchstage reichen kaum aus, wenn an vielen Ständen gespielt und nicht nur kurz auf die Schachtel geschaut werden soll.
Eine Liste mit einigen klaren Prioritäten ist daher sinnvoller als eine Sammlung von 50 vermeintlichen Pflichtterminen. Die wichtigsten Spiele stehen oben, weitere Kandidaten bleiben optional. Was nicht geschafft wird, ist nicht automatisch verpasst. Viele Neuheiten erscheinen nach der Messe regulär im Handel und lassen sich später sogar in deutlich ruhigerer Umgebung ausprobieren.
2. Nur den großen Verlagen und Hype-Titeln folgen
Die meistdiskutierten Neuheiten ziehen besonders viele Besucher an. Das liegt in der Natur der Sache. Gleichzeitig entstehen dort lange Wartezeiten, volle Spieltische und dichte Menschentrauben.
Natürlich spricht nichts dagegen, ein lang erwartetes Spiel am Stand anzusehen. Wer sich ausschließlich an Vorschauvideos, Empfehlungslisten und dem allgemeinen Messehype orientiert, verpasst jedoch einen großen Teil dessen, was die SPIEL Essen besonders macht.
Kleine und internationale Verlage präsentieren Titel, die später möglicherweise kaum im deutschen Handel auftauchen. An ihren Ständen ergeben sich häufig ausführlichere Gespräche und bessere Möglichkeiten zum Probespielen. Nicht jedes unbekannte Spiel ist ein Geheimtipp. Ohne einen Blick abseits der großen Namen lässt sich allerdings auch keiner entdecken.
3. Zu viele feste Termine und Proberunden einplanen
Ein vereinbarter Termin oder eine reservierte Spielrunde kann dem Messetag Struktur geben. Mehrere eng aufeinanderfolgende Termine verteilen über verschiedene Hallen erzeugen dagegen schnell Stress.
Schon ein vermeintlich kurzer Weg dauert bei vollen Gängen länger als erwartet. Hinzu kommen Gespräche, Wartezeiten und Proberunden, die sich nicht minutengenau beenden lassen. Wer ständig auf die Uhr schaut, bekommt vom aktuellen Spiel kaum noch etwas mit und ist gedanklich bereits auf dem Weg zum nächsten Stand.
Auch vollständige Partien beanspruchen viel Messezeit. Das ist kein Problem, wenn ausführliches Spielen das persönliche Ziel darstellt. Wer zugleich einen breiten Eindruck von der Messe gewinnen möchte, sollte dagegen eher kurze Demorunden und ausreichend freie Zeit einplanen.
4. Messepreise automatisch für Schnäppchen halten
Ein Schild mit der Aufschrift „Messepreis“ klingt verlockend. Ob das Angebot tatsächlich günstiger ist, steht damit noch nicht fest.
Einige Verlage bieten auf der SPIEL echte Preisnachlässe, Bundles oder kostenlose Zugaben an. Andere verkaufen ihre Neuheiten zum regulären Preis. Bei bekannten Titeln kann der spätere Handelspreis sogar niedriger ausfallen.
Das bedeutet nicht, dass ein Kauf direkt beim Verlag grundsätzlich ungünstig wäre. Gerade kleine Anbieter profitieren davon, wenn Spiele am eigenen Stand gekauft werden. Bei ausländischen Titeln können zudem hohe Versandkosten entfallen. Der Vorteil liegt dann jedoch in der direkten Unterstützung oder der unkomplizierten Verfügbarkeit – und nicht unbedingt in einem besonders niedrigen Preis.
Ein kurzer Preisvergleich kann Klarheit schaffen. Vor allem bei regulär erhältlichen Spielen besteht selten ein Grund für eine sofortige Entscheidung.
5. Sich von Exklusivität und knappen Stückzahlen unter Druck setzen lassen
Nur auf der Messe erhältlich, begrenzte Stückzahl, exklusive Promo: Solche Hinweise erzeugen zuverlässig das Gefühl, dass eine Kaufentscheidung keinen Aufschub duldet. FOMO lässt grüßen.
Manchmal handelt es sich tatsächlich um eine kleine Sonderauflage oder um einen Titel, den ein internationaler Verlag nur in begrenzter Zahl nach Deutschland gebracht hat. Häufig bedeutet „exklusiv“ jedoch lediglich, dass ein Spiel einige Wochen früher erhältlich ist oder eine zusätzliche Karte beiliegt.
Eine Promo kann eine schöne Erinnerung an die Messe sein. Sie verwandelt ein unpassendes Spiel aber nicht in einen sinnvollen Kauf. Ebenso macht eine geringe Auflage aus einem mittelmäßigen Spiel kein gutes.
Vor allem bei angekündigten deutschen Ausgaben lohnt sich Geduld. Wer ohnehin lieber auf Deutsch spielt, gewinnt wenig damit, aus Angst etwas zu Verpassen vorschnell zur fremdsprachigen Ausgabe zu greifen.
6. Spiele kaufen, ohne Sprache und Material zu prüfen
Internationale Verlage gehören zu den großen Stärken der SPIEL Essen. Dort lassen sich Spiele entdecken, die in Deutschland gar nicht oder erst deutlich später erscheinen. Vor dem Kauf sollte allerdings geklärt werden, welche Sprachkenntnisse erforderlich sind.
Ein Spiel mit Symbolen und Zahlen kann weitgehend sprachneutral sein. Trotzdem benötigt es eine verständliche Anleitung. Bei Karten-, Szenario- und Kampagnentexten sieht es noch deutlicher aus. Eine gute englische Erklärung am Stand kann leicht darüber hinwegtäuschen, dass zu Hause niemand mehr danebensteht, der Regelfragen beantwortet.
Auch angekündigte Übersetzungen sollten nicht einfach vorausgesetzt werden. Eine deutsche Anleitung zum Herunterladen ist nur hilfreich, wenn sie tatsächlich verfügbar und vollständig ist.
Ein kurzer Blick auf Rückseite, Spielmaterial und Anleitung verhindert, dass die schöne Messeentdeckung später hauptsächlich das Regal international bereichert.
7. Die wachsenden Einkäufe unterschätzen
Eine einzelne Spieleschachtel lässt sich problemlos durch die Hallen tragen. Aus einer werden allerdings schnell drei, fünf oder acht. Große Brettspiele sind nicht nur schwer, sondern auch sperrig und erstaunlich schlecht für gewöhnliche Stoffbeutel geeignet.
Vor dem Kauf sollte deshalb feststehen, wie die Spiele während des restlichen Tages gelagert und später nach Hause transportiert werden. Die Koffergarderobe eignet sich zur Zwischenlagerung größerer Taschen und lässt sich gegen Gebühr erneut befüllen. Zusätzlich steht ein kostenpflichtiger Versandservice zur Verfügung.
Der schnelle Gang zum Auto ist bei den Besucherparkplätzen P2 und P10 keine praktische Zwischenlösung, da die Verbindung zum Messegelände über Shuttlebusse erfolgt.
Ein Rollkoffer bietet zwar Stauraum, wird in vollen Gängen jedoch schnell lästig. Die beste Transportlösung besteht deshalb nicht unbedingt in einem noch größeren Behälter. Manchmal hilft auch ein kleinerer Einkauf.
8. Spieltische und Erklärer zu lange beanspruchen
Proberunden sind ausdrücklich Teil der SPIEL Essen. Die Mitarbeiter an den Ständen erklären Regeln, beantworten Fragen und ermöglichen einen direkten Eindruck vom Spiel.
An stark besuchten Ständen warten allerdings häufig weitere Interessenten auf einen freien Tisch. Ist die vereinbarte Demorunde beendet, kann die anschließende Kaufberatung auch neben dem Tisch stattfinden. Eine ausführliche Diskussion über die gesamte eigene Spielesammlung muss ebenfalls nicht zwingend während des größten Andrangs geführt werden.
Das bedeutet nicht, dass Gespräche unerwünscht wären. Gerade kleine Verlage und Autoren freuen sich häufig über echtes Interesse. Ein wenig Aufmerksamkeit für wartende Besucher und die Situation am Stand reicht völlig aus.
Ebenso sollt man eine begonnene Erklärung nicht wortlos abbrechen. Falls ein Spiel doch nicht passt oder die Runde zu lange dauert, lässt sich das kurz und freundlich sagen.
9. Im Gedränge die Umgebung vergessen
Volle Gänge gehören zur SPIEL Essen. Unnötig schwieriger wird das Vorankommen jedoch, wenn Gruppen direkt in Hallenübergängen stehen bleiben, große Rucksäcke beim Umdrehen ausschwenken oder Taschen und Trolleys Wege verengen.
Eine Messehalle ist kein Ort, an dem jederzeit eine perfekte Ordnung herrscht. Niemand muss mit angelegten Armen in vorgeschriebener Richtung durch die Gänge marschieren. Etwas Aufmerksamkeit verhindert dennoch viele unnötige Engstellen.
Davon profitieren besonders Kinder, Rollstuhlfahrer und Menschen mit Gehhilfen. Auch kurze Gespräche oder die Beratung über den nächsten Stand lassen sich meist wenige Schritte neben dem unmittelbaren Durchgang fortsetzen.
Mehr braucht es an Messeetikette eigentlich nicht: nicht ständig im Weg stehen und nicht davon ausgehen, allein in der Halle zu sein.
10. Menschen und Spielrunden ungefragt fotografieren
Fotos und Videos gehören für viele Besucher zur Messe. Neuheiten werden dokumentiert, Spieltische aufgenommen und Eindrücke für soziale Netzwerke festgehalten.
Dabei geraten schnell andere Menschen deutlich erkennbar ins Bild. Nicht jeder möchte jedoch ungefragt in einem Reel, Messebericht oder öffentlichen Fotoalbum auftauchen. Das gilt besonders für Kinder.
Bei Übersichtsaufnahmen lässt sich nicht jede Person vollständig vermeiden. Bei gezielten Fotos von Spielrunden oder einzelnen Besuchern sollte dagegen vorher gefragt werden. Häufig reicht bereits ein leicht veränderter Bildausschnitt, um Gesichter nicht erkennbar abzubilden.
Auch an Messeständen kann es Einschränkungen geben. Prototypen, noch nicht veröffentlichte Inhalte oder interne Unterlagen sind nicht automatisch für Fotos bestimmt. Eine kurze Nachfrage verhindert Missverständnisse.
11. Pausen und die eigene Belastbarkeit ignorieren
Die SPIEL Essen ist anstrengend. Mehrere Stunden auf den Beinen, dauerhafte Hintergrundgeräusche, künstliches Licht und ständig neue Eindrücke fordern selbst erfahrene Messebesucher.
Wer Pausen als verlorene Zeit betrachtet, spart zunächst einige Minuten und verliert später Konzentration und Freude. Spätestens wenn eine einfache Kartenspielregel wie die Bedienungsanleitung eines Kernkraftwerks klingt, wäre eine Unterbrechung vermutlich bereits früher sinnvoll gewesen.
Frei verfügbare Sitzplätze sind allerdings knapp. Die Stühle an den Spieltischen gehören zu den Proberunden, während Restaurants und gastronomische Bereiche mittags stark ausgelastet sind. Mitgebrachte Getränke und ein kleiner Snack erleichtern eine Pause unabhängig vom Angebot vor Ort.
Für Menschen mit eingeschränkter Belastbarkeit kann eine leichte tragbare Sitzhilfe sinnvoll sein. Bei hoher Geräusch- oder Reizempfindlichkeit helfen möglicherweise Kapselgehörschutz, Ohrstöpsel oder geräuschreduzierende Kopfhörer.
Ein früheres Ende ist ebenfalls kein Scheitern. Vier gute Stunden sind mehr wert als acht Stunden Durchhalteprogramm.
12. Die Messe nur dann für gelungen halten, wenn möglichst viel geschafft wurde
Am Ende eines Messetages beginnt schnell das Zählen: besuchte Hallen, gespielte Neuheiten, gekaufte Schachteln und gesammelte Promos. Daraus entsteht der Eindruck, ein Besuch müsse eine möglichst große Ausbeute liefern.
Dabei sagt die Menge wenig über die Qualität des Tages aus. Eine überraschende Entdeckung bei einem kleinen Verlag kann stärker in Erinnerung bleiben als zehn flüchtig angesehene Neuheiten. Eine ausführliche Proberunde kann wertvoller sein als ein vollständiger Hallendurchlauf. Und ein einzelnes gut ausgewähltes Spiel kommt möglicherweise häufiger auf den Tisch als ein ganzer Stapel spontaner Messekäufe.
Die SPIEL ist kein Wettbewerb und kein Nachweis darüber, wie ernst das Brettspielhobby betrieben wird. Niemand muss sämtliche Neuheiten kennen, Autoren treffen oder mit einem Schachtelturm nach Hause fahren.
Ein gelungener Messebesuch darf schlicht Spaß gemacht haben. Das reicht tatsächlich.
Weniger Pflichtprogramm, mehr SPIEL
Die meisten Fehler auf der SPIEL Essen entstehen aus Begeisterung. Möglichst viele Spiele sollen entdeckt, ausprobiert und gekauft werden. Aus dieser Begeisterung wird jedoch schnell selbst gemachter Druck.
Eine überschaubare Wunschliste, wenige feste Termine und ein realistisches Budget lassen mehr Raum für die eigentlichen Stärken der Messe. Dazu gehören spontane Entdeckungen, ungewöhnliche Spiele und Gespräche, die auf keinem Ablaufplan stehen.
Etwas Rücksicht im Gedränge, ein vernünftiger Umgang mit Spieltischen und die Achtung der eigenen Belastungsgrenzen machen den Tag zusätzlich angenehmer. Nicht nur für andere, sondern vor allem für die Besucher selbst.
Die beste Messeausbeute besteht deshalb nicht aus der größten Zahl abgehakter Neuheiten. Sie besteht aus Spielen und Eindrücken, an die auch nach dem Ende der SPIEL noch gerne gedacht wird.
Grafik: © Redaktion Spieledorf (KI-generiert mit DALL∙E)